Interview mit dem Geschäftsführer Thomas Steffen.

Warum nachtfahrer?
Das war so ein Witz, weil die Musik, die ich selbst mache und für die ich ein Label brauchte nun einmal nachts entstand. Diese Sounds aufeinander zu packen ist wie eine Autobahnfahrt bei Nacht. Man weiß auch nie genau, wo man eigentlich ankommt. Als ich dann ein Label gründete, mit Gema, GVL, Gewerbe - war nachtfahrer einfach als Begriff da und nicht anders belegt.

Digital only, warum?
Ich habe auch mal CDs gemacht, da steht dann eine halbe Palette in der Garage und die Entsorgung ist heute sogar kostenpflichtig. Cds sind ja Umweltmüll, da gibt es keine Diskussion. Cds über einen Verrieb in die Läden zu bekommen, ist für kleine Acts sehr schwer, heute eigentlich unmöglich. Ich empfehle unbekannteren Künstlern immer, wenn sie eine CD haben, diese in den An- und Verkaufsläden ins Programm zu schmuggeln, also einfach kostenlos einsortieren. Ansonsten will die keiner, nach Konzerten verkauft keiner mehr was, da ist es wichtiger, die Leute finden dich auf spotify. Vinyl ist teuer - gerade der Coverdruck, schwer zu lagern und was für Freaks. Versende eine Vinly-LP nach Japan und du weißt, was ich meine. Das zahlt dir einer - und der Rest ist Hobby.

Aber trotzdem ist die Musik auch analog?
Ein Widerspruch, das gebe ich zu. Aber ich lege Wert darauf, dass normale Instrumente gespielt werden. Es gibt tolle Standbass-Bass-Samples, tolle Loops und so - also die Jazz-Bibliothek der ganzen digitalen Musik. Aber diese Musik, die wir im Kopf haben, die besteht aus den kleinen Dingen und Schwingungen. Also normale Instrumente in der Hauptsache und dazu gehören für mich auch analoge Synthesizer und es bekommt diesen Touch. Zudem sind solche Aufnahmen nachträglich nicht gut veränderbar - es ist keine in der DAW (digitale Audio-Workstation = PC) editierbare Musik, es ist eben keine digitale Puzzlesammlung, sondern etwas, das miteinander schwingt. Eine Änderung und der Keks fällt auseinander.

Was muss eine Band mitbringen?
Eine Kenntnis ihres Stellenwertes. Wenn es das so schon gibt, ist es nicht neu. Aber vielleicht anders. Die ganzen Provinzkönige haben ausgedient, die digitale Welt kennt heute jeden. Da etwas komplett Neues zu machen ist zumeist Augenwischerei. Aber jeder macht es eben anders, etwas eigen. Und dann zu wissen, wo man steht, das ist die richtige Basis. Im Jazz bekommst du keine Hits, keine CD-Platzierungen - da muss die Veröffentlichung mehr einer inneren Logik folgen.

Was ist der Jazz-Sound der 21. Jahrhunderts?
Das ist sogar recht einfach festzuhalten. Keine Klarinetten! Keine Bigbands - nicht dieses American Songbook-Zeugs. ECM ist sehr prägend in Europa, Blue Note auch. In diese Kategorie muss man passen oder es zumindest als Messlatte akzeptieren. Zu kompliziert ist auch schwierig, zu viele Tempiwechsel, ungerade Takte als Selbstzweck, zu viele Ideen in einem Track - das muss heute alles mehr auf den Hörer gepolt werden. Es darf nicht anstrengen, aber auch nicht belanglos sein. Eine gute Autofahrt mit genügend Eindrücken - aber nicht zu erdrückend. Politische Aussagen sind ebenfalls schnell veraltert, Weltmusik ist ziemlich durch, das liegt aber auch daran, dass irgendwann jeder anfing eine Udu-Trommel oder bengalische Gesänge als Sample mit reinzudreschen. Eigene Sounds sind cool. Eine Schiffsglocke als Effektbecken am Drumset, der eigene Ton überhaupt bei Instrumentalisten - als die Trademark - darum geht es.

Was muss besser werden?
Die Neugierde der Hörer muss von den Streamingdiensten ernster genommen werden. Raus aus dem "Das-mag-ich"-Tunnel rein in neue Abenteuer. Die Empfehlungen aufbauend auf dem gerade Gehörten führen zum enger werdenden Wahrnehmungstunnel. Stattdessen wieder dem Alphabet vertrauen, Künstler von a bis z und mehr Schlagworte für die Musiksuche statt der ganzen Bescheisserei mit den angeblichen Playlisten. Wer macht die? Wer steckt dahinter? Wie kommen die Künstler da rein? Das - also diese Playlists - ist kein User-Generated-Content - das ist knallhartes Marketing - aber keiner durchschaut es. Schlechte Kritik in der Presse, da konntest du einen Leserbrief schreiben - Ignoranz bei den Playlisten - da stehst du ganz alleine da - gerade als Label.

Youtube und Co?
Ein Wahnsinn - da haben mit mehreren Kameras gedrehte Livemitschnitte in HD gerade mal 1000 Zuschauer, kosten aber 1000 mal den Hörer auf der Plattform. Denn oft hat der Fernsehsender das Ding rausgehauen und dafür vorab alle Rechte eingeholt - oder das Festival. Und eigene Jazzvideos sind teuer - und kommen auf weniger Klicks als die neuesten Haarwaschtipps. Schwierig. Fotos auch - bis heute werden lieber alte Aufnahmen von Miles, Coltrane und Co für Jazz verwendet. Tolle Schwarz-weiß-Fotos von echten Meistern auch geschossen - keine Frage - aber da bleibt dann kein Platz und der Subtext für die oberflächlichen Hörer lautet, Jazz ist tot. Dazu kommen in jeder Woche unzählige Neuveröffentlichungen tatsächlich schon toter Künstler mit einigermaßen bekannten Namen - wie soll der Nachwuchs dazwischen kommen? Aber das ist im Rock und Pop genauso. Es ist eben ein Geschäft. Wem es um die Musik geht, der muss viel aushalten und seine kleinen Gärten pflegen und hegen und nicht zum Schlosspark neidisch über den Zaun schauen.

Live-Auftritte sind die Lösung für den Jazzmusiker?
Wenn er oben mitspielt. Ansonsten besagt die Statistik, dass die meisten Jazzer unter 14.000 Euro im Jahr verdienen, also kurz über Hartz4 und im Kleinunternehmertum. Und 14.000 haben nur die, die unterwegs sind wie Sau. Die stille Reserve sind die, die in Wirklichkeit was anderes machen. Durchschnittliche Gagen von 50 Euro gibt es - da ist das Bier nach dem Auftritt schon ein Ruin. Und die Fanbase baut es auch oft nicht auf. Jede Woche haben manche kleine Clubs ein Jazzkonzert, da kommt immer ein anderer, die Leute trinken ein, zwei Bier, weg - der Nächste. Das machst du ein Jahr, dann sind alle Ecken abgedreht - die Luft ist raus. Es kann deshalb auch intelligent sein, gute Musik digital zu produzieren und sich darauf zu konzentrieren. Dazu dann ein paar ausgesucht gute Gigs, das wäre eine Mischung, die Sinn macht. Vielleicht ist Jazz auch eine Haltung, kein Beruf. Klar heute studieren viele Jazz - aber geht das in 3 oder 4 Jahren? Sind einstudierte komplizierte Akkordumkehrungen Jazz? Einigen alten Jazzgrößen in Deutschland wollte man staatlich das Auskommen sichern, die haben jetzt Gastprofessuren und pro Jahr so 100 Leute, die sie auf die Arbeitslosigkeit vorbereiten.  Sie selbst stehen aber super da. Einige nehmen sich die Begabtesten und machen mit denen sogar Aufnahmen oder eine Tour - aber am Ende gewinnen sie - immer. Wenn du deine Leidenschaft - also Jazzmusik - zum Beruf machst, hast du dann einen leidenschaftlichen Beruf oder leidest du in deinem Zwiespalt zwischen Leidenschaft und Beruf - denn Beruf heißt nicht Berufung - ehrlich nicht - das heißt erst einmal - Rechnungen bezahlen. Bei vielen zahlt der Papa noch alles oder sie haben Immobilien geerbt -  ist das Jazz? Warum nicht. Wenn sie es ehrlich zugeben, ist es prima. Schau dir die Musik an: Wo steht da der Jazz? Und als Beruf ist es eben genau die Frage? Wie viele Heizer braucht die E-Lok?

Versöhnliches Schlusswort?
Klar. Gerne. Mach dein Ding, veröffentliche den Kram und sei das, was du spielst. Aber es heißt spielen. Yoyo-Ma hat zu seinem Vater gesagt, wenn er groß ist will er Musiker werden. Der Vater sagte, das geht nicht zusammen, spielen wollen und erwachsen werden. Diese Haltung, probieren, spielen - auch als Selbstzweck muss beibehalten werden. Und dann nimm deine Musik auf, such dir ein Label oder veröffentliche es selbst und wachse mit deinen Hörern. Und wenn es vielleicht nach Außen nichts ist - ist es deine Zeit - und die hast du genutzt - für das scheinbar Überflüssigste: Spiel. Und nebenbei: Musik kann heilen, dich und deine Hörer. Wenn es für eine Person Sinn macht, ist es gut - das bist nur du selbst - okay. Schauen wir mal, was sich als Label da machen lässt. Wer nur fragt: Wer braucht das? - der müsste jede chinesische Fabrik schließen und die sind ja angeblich ein Wirtschaftsphänomen. Also Kopf hoch und machen.

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